Rückblick EWMM-Workshop Antwerpen 2002


von H.-J. Schmitz & J. Ewers

Zum 17. Mal trafen sich Ende Mai (31.5.-1.6.) in Antwerpen an Manualmedizin und Röntgenanalyse interessierte Kollegen. Der auf 25 Teilnehmer begrenzte Rahmen ermöglichte nicht nur intensive Diskussionen im Rahmen der einzelnen Vorträge sondern auch stimulierende Gespräche am Rande. Der Teilnehmerkreis setzte sich aus manualmedizinisch interessierten Kollegen und Kolleginnen aus den Bereichen Orthopädie, Chirurgie, Pädiatrie und Physikalische Medizin zusammen. Wie schon im letzten Jahr waren auch diesmal alle Teilnehmer aufgefordert, Eigenes zu präsentieren. So war der gesamte Samstag mit diesen Beiträgen gefüllt, die in ihrer Heterogenität weit über die eigentliche Manualmedizin hinausgingen, wenngleich diese natürlich im Mittelpunkt des Interesses stand.
Besonders anregend war der erste Kontakt mit der französischen Manualmedizin durch den Vortrag von Freddy Hugenin über die Rolle des Beckengürtels. 

Biedermann (Antwerpen) leitete den Workshop ein mit einer Einführung in die Röntgendiagnostik, wobei Systematik der Auswertung und Einzelkasuistiken mit funktionellen und morphologischen Besonderheiten miteinander verknüpft wurden; deren pathologische Befunde unterstrichen seine Forderung nach röntgenologischer Vordiagnostik bei manualtherapeutischen Behandlung. Dies konsequente Beharren auf seiner Forderung ist eine Reaktion auf die immer noch kursierende  Vorstellung einer zu hohen Strahlenbelastung einerseits und  das mangelnde Interpretationsvermögen andererseits, die aus der noch sehr verbreiteten Unkenntnis der Feidiagnostik, die korrekt angefertigte Bilder der HWS zulassen.
Schon in diesem Referat wurde auf das häufig anzutreffende gemeinsame Auftreten morphologischer Veränderungen im C0/C1 Bereich, dem lumbosacralen Übergang und  den Hüftgelenken hingewiesen.

Diesem Thema im Detail widmete sich Robby Sacher, der als Mitarbeiter aus der Praxis Biedermann hierzu ausführliches Bild- und Zahlenmaterial von über 500 Fällen präsentierte. Er stellte die ALF- Trias (Atlas - Lumbal - Femur) vor, wobei darauf hingewiesen wurde, dass diese am Material einer Schwerpunktpraxis gewonnenen Ergebnisse an anderen Daten zu überprüfen sind. Fazit des Vortrages war der Hinweis, bei morphologischen Auffälligkeiten in einem dieser Bereiche  die anderen Etagen ebenfalls daraufhin zu untersuchen, um dies bei Diagnose und Therapie einbeziehen zu können.

Der Nachmittag wurde von einem Altmeister der Manuellen Medizin Freddy Huguenin aus Genf eröffnet, der das Zusammenspiel von Symphyse und ISG als biomechanische Einheit nochmals ins Gedächtnis rief und sowohl die Befunderhebung als auch die Behandlungstechniken demonstrierte wie z.B. die Mobilisation von ventral, die sich bei der Behandlung von Kleinkindern anbietet.

F.Huguenin

Botteck (Witten) stellte ein optisches Messverfahren vor, das es erlaubt, beliebige Körperoberflächen zu bestimmen und verschiedene Messungen miteinander zu vergleichen. Am Beispiel der Symmetriebestimmung bei Kindergesichten wurde deutlich, dass es sich hier erst um einen Anfang handelt. Viel Arbeit dürfte nötig sein, bis hieraus eine verlässliche Messmethodik entwickelt ist. Aber ein erster Schritt ist getan.

Schubert (Bochum) rundete den Tag ab mit seinem Übersichtsreferat zum Thema "Sportmedizin und manuelle Medizin", wobei er aus seiner reichen Erfahrung als langjähriger Vereinsarzt eines Fußball- Bundesligavereins schöpfen konnte. Er machte deutlich, wie viele Berührungspunkte zwischen diesen beiden Spezialgebieten eigentlich bestehen, die aber - noch - nicht dazu geführt haben, dass diese Verbindung Früchte trägt. Bisher wird die Manualtherapie im Leistungssport von den Vereinsärzten weitgehend den Physiotherapeuten aufgetragen. Anhand einiger konkreter Beispiele (z.B. Behandlung des Muskelfaserrisses und der Fibromyalgie) präsentierte er sein diagnostisches und therapeutisches Konzept. Weiterhin kritisierte er die inadäquaten Reha-Maßnahmen und die zu frühzeitige Rückführung in den Spielbetrieb im Hochleistungssport, da hierdurch häufiger Folgeverletzungen begünstigt würden.

Der Samstag stand ganz im Zeichen der Teilnehmer- Referate, die hier kurz mit ihren Titel wiedergegeben seien. Wer an den Referaten selber interessiert ist, kann über unsere E-Mail an die Kollegen weitervermittelt werden (<info-workshop@manmed.org>)

C. v.d.Lühe, Pädiater aus Lübeck, machte auf eine Korrelation zwischen Hüftfehlstellung und senso-motorischer Fehlentwicklung aufmerksam, die er anhand seines eigenen Zahlenmaterials durch Hüftsonographie im Rahmen der Vorsorgeuntersuchung belegen konnte. In diese Dokumentation waren 402 Kinder zwischen U3 und U6 einbezogen. Seine Ergebnisse könnten frühzeitige Hinweise auf eine drohende senso-motorische Retardierung liefern und eine erhöhte Aufmerksamkeit auslösen.

v.d. Lühe spricht über Hüft-Sonografie

S. Ileva aus Köln präsentierte Ergebnisse einer laufenden Untersuchung an KISS-I Kindern mit der Farbduplex-Sonographie zur Fragestellung einer Korrelation von KISS-I Symptomatik mit arteriellen Flussstörungen der hirnversorgenden Gefäße. Diese Studie basiert auf der Zusammenarbeit von Svetlana Ileva als diagnostizierender und behandelnder Kollegin und der Kinderklinik Amsterdamer Straße in Köln als sonographisch tätige Fachabteilung.
Die Untersuchung von bisher 31 KISS-I- Kindern, ohne sonstige neurologische Auffälligkeit zeigte bei mehr als der Hälfte duplexsonographisch eine Flussstörung der A. vertebralis auf der Gegenseite der Blockierung mit klinisch fassbarer muskulärer Tonusstörung.

R. Rädel (Herne): Ganganalyse und Kopfgelenkbehandlung mit dem "Friendly Sensor" (www.friendly-sensors.de). Er stellte ein neues Gerät zum Bewegungsmonitoring auf Ultraschallbasis

vor, mit dem Längenveränderungen in unterschiedlichen Körperregionen bei zu überwachenden Bewegungsabläufen dokumentiert werden können. Interessant waren die Veränderungen von Aktivitätsmustern bestimmter Muskelgruppen, in Form einer Ganganalyse,  vor und nach Manualtherapie der Kopfgelenke.

Th. Eger (Osnabrück): Differentialdiagnostische Probleme bei hartnäckigen Symphysenschmerzen

G. Pfaff (München): Aktive Einlagenversorgung unter kinesiologischen Gesichtspunkten

H.-J. Menne (Burgdorf) verknüpfte  mit der detaillierten Schilderung der vegetativen Begleitsymptomatik nach Auslösung eines persistierenden frühkindlichen Moro-Reflexes im Erwachsenenalter mit Blutdruck- und Pulsanstieg, Verspannung der Temporalmuskulatur, sowie Unruhezuständen und Schlafstörungen bis zu 4 Tagen nach Auslösung diese Symptome mit ähnlichen Beschwerden nach HWS-Schleudertraumata und brachte so eine lebhafte Diskussion in Gang.

K. Niemier (Berlin): Stereotypstörungen der Motorik und ihre Rolle in der Rehabilitation

M. Robben (Osnabrück): Vier komplizierte Fälle von HWS-Trauma

M. Butti (Althäusen/CH): Beeinflussung der Wachstumsgeschwindigkeit der Beine nach Frakturen durch selektive Wärmeapplikation.

H.-C. Stein (Bottrop): Das Froschkönig- Syndrom (funktionelle BWS-Störungen bei Adoleszentenkyphose)

Fabisiak (Salzgitter): Sozio-ökonomische Rahmenbedingungen der Kinder in Salzgitter

Springer (Hagen): Atopie im Kindesalter und manualmedizinische Beeinflussbarkeit

Maggi (Zürich): Relevante Strukturen in der Nachbarschaft der Kopfgelenke

Phlix (Hasselt/B): Kasuistische Beobachtung: Sistieren hartnäckiger abdomineller Störungen nach MT

U. Goehmann  (Hannover) präsentierte seine Behandlungsergebnisse bei über 500 Kleinkindern aus 2001, wonach unter 2% seiner manualtherapeutisch behandelten Kinder neurologisch auffällig blieben. Sein Fazit war, dass die Unterscheidung zwischen KISS-I zu KISS II therapeutisch nutzbar ist und zu angepassterer Therapie führt.

B. Maggi (Zürich) rückte nochmals die brisante anatomische Nachbarschaft der Occiputcondylen in das Bewusstsein, woraus sich die häufig beobachteten vegetativen Begleitreaktionen und Veränderungen der Schlundmotorik nach Manipulation der Kopfgelenke erklären ließen.

Anzahl der behandelten Kleinkinder und Jugendlichen:

Im Anschluss an das letzte Referat wurden die Anwesenden gebeten, ihre Zahlen für die Behandlung von Säuglingen und Kindern - vorsichtig geschätzt - auf den Tisch zu legen. Dabei stellte sich heraus, dass die in der EWMM zusammengefassten Kollegen pro Jahr  ca. neuntausend Säuglinge und sechstausend Schulkinder behandeln.

Auf dieser Basis lässt sich eine relativ solide Aussage über die Validität der verwendeten Technik treffen und - vor allem - auch mit einiger Sicherheit sagen, dass die von uns propagierte Methode praktisch risikolos ist; man muß bedenken, dass die kumulierten Zahlen bei ca. 20.000 Babies und 10.000 Schulkindern Sicherheit bei den getroffenen Behandlungsrichtlinien geben.

Im Wesentlichen lässt sich dies in die drei Kernforderungen zusammenfassen:

  • Saubere neuropädiatrische Vordiagnostik
  • exakte manualmedizinische Untersuchung unter obligatorischer Einbeziehung eines Röntgenbildes
  • vor und nach der Manualtherapie sollte eine Karenzzeit von minimal 10 Tagen eingehalten werden, um die kindliche Reaktionsfähigkeit nicht zu überfordern.

Ein Festlegen auf eine spezielle Behandlungstechnik scheint wenig sinnvoll, da dies viel zu individuell geprägt ist um standardisiert zu werden.

Last not least hielt der Feyerabend- Schüler Christian Thomas den traditionellen "fachfremden" Vortrag über Wissenschaftstheorie im Vergleich Popper - Kuhn - Feyerabend, wobei er dies als Quiz mit Beteiligung aller sehr fröhlich und unprätentiös gestaltete - ganz im Sinne Paul Feyerabends (www.philosophenlexikon.de/feyerab.htm).

Pausengespräch in der Sonne zwischen Thomas (li.) und Huguenin

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Hunhsgasse 34
50676 Köln

Dr. Uli Göhmann
Freudallee 27
30173 Hannover

Dr. med. Lutz Erik Koch
Dammtorstraße 27
20354 Hamburg

Dr. Bruno Maggi
Dennlerstr. 22
CH  8049 Zürich

Dr. Hand Menne
Blücherstr. 7
31303 Burgdorf

Dr. Robby Sacher
Freistuhl 3
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